Der Komponist
Johan Julius Christian, später Jean Sibelius wurde am 8. Dezember 1865 in Hämeenlinna in Finnland geboren, das damals zum Russischen Reich gehörte. Ersten Klavierunterricht erhielt er von seiner Mutter, später seiner Tante. Im Alter von 14 Jahren zeigte er großes Interesse am Violinspiel, für eine Solistenkarriere allerdings war es trotz seiner offenkundigen Begabung zu spät. Nach dem Abitur 1885 studierte Sibelius zunächst Jura parallel zum Besuch des Musikinstituts von Helsinki, eine Ausbildung, die er zwischen 1889 und 1891 in Berlin und Wien vertiefte (u.a. bei Karl Goldmark und Robert Fuchs. Er hatte schon früh begonnen zu komponieren, seinen ersten lokalen Erfolg aber erreichte er 1892 mit der Sinfonie ´Kullervo`, den internationalen Durchbruch mit der sinfonischen Dichtung ´Finlandia` (1899). Sibelius blieb lebenslang eng mit seiner finnischen Heimat verbunden, die er zudem nur selten verließ. Sein Stil blieb stets geprägt von seiner engen Heimat-Verbundenheit und der finnischen Mythologie, insbesondere dem Nationalepos ´Kalevala`. Sibelius, der in späteren Lebensjahren kaum noch komponierte, starb am 20. September 1957 im Alter von 91 Jahren.
Das Werk
Im Winter 1900 begann Sibelius mit der Komposition seiner 2. Sinfonie, deren Uraufführung unter seiner Leitung am 8. März in Helsinki stattfand. Danach revidierte er einige Passagen, die Erstaufführung der endgültigen Fassung erfolgte am 10. November 1903 in Stockholm. Das Werk hat vier Sätze in einer eher ungewöhnlichen Abfolge. Es beginnt mit einem Allegretto, das sich aus vielen Motiven – aber besonders aus dem wunderschönen lyrischen Motiv des Satzbeginns – organisch zu einem Gesamtbild entwickelt. Das folgende Tempo andante, ma rubato setzt mit seinen düsteren Klängen einen fast kompletten Gegensatz zur Eröffnung, häufig ausgelegt als Kampf gegen die russische Herrschaft der damaligen Zeit. Das Vivacissimo-Scherzo wird in seiner drängenden Lebhaftigkeit zweimal von einem lyrischen Oboen-Solo abgelöst, das bei seiner Wiederholung attacca in den fulminanten Schlusssatz übergeht, dessen motivische Grundlage vielfach bezogen ist auf die Themen dessen ersten Satzes. Das Ende besitzt geradezu triumphierenden Charakter als Ausdruck – so kann man mutmaßen – für die sehnlich erhoffte Freiheit von russischer Herrschaft.
Der Dirigent
Colin Rex Davis wurde am 25. September 1927 in Weybridge/Surrey geboren. Er wuchs in sehr ärmlichen Verhältnissen auf, wollte ursprünglich Klarinettist werden, ein Instrument, das er am Royal College of Music in London studierte, ehe er sich entschloss, die Dirigentenlaufbahn einzuschlagen. Da er keinen offiziellen Abschluss als Dirigent erhielt, entwickelte seine Karriere sich langsam, aber stetig bis zur musikalischen Leitung der Sadler Wells` Opera (heute English National Opera) von 1961 bis 1965, nachdem er bereits 1959 für Otto Klemperer als Einspringer eine ´Don Giovanni`-Aufführung geleitet hatte. Es folgten Positionen als Chefdirigent des BBC Symphony Orchestra (1967-1971) Musikdirektor der Royal Opera Covent Garden (1971-1986) und teilweise parallel dazu Chefdirigent des Symphonieorchesters des Bayrischen Rundfunks (1983-1992). Obwohl Davis nie eine offizielle Position einnahm, bestand zwischen 1981 und 2013 eine besonders enge Bindung zwischen ihm und der Staatskapelle Dresden, mit der er zahlreiche Werke einspielte (u.a. einen hochgelobten Mozart Opern-Zyklus). Colin Davis starb am 14. April 2013 im Alter von 85 Jahren in London.
Die Interpretation
Bei den zahlreichen Aufnahmen von Sibelius 2. Sinfonie lassen sich interpretatorisch mindestens drei grundsätzlich unterschiedliche Auffassungen unterscheiden: die klangschön-romantische (mit Karajan an der Spitze), die expressiv-dramatische Lesart (Bernstein u.a.) und die nordisch-klare, an deren Etablierung Colin Davis gemeinsam mit Thomas Beecham maßgeblich beteiligt war. Zunächst fällt die Durchhörbarkeit der Einspielung auf, die Sibelius` ausgeklügelte Orchestrierung ausgezeichnet hörbar macht und zugleich lässt Davis die Tempi sich natürlich, ohne abrupte Effekte entwickeln. Dadurch entstehen lange, atmende melodische Bögen mit fließenden Übergängen, was sich insbesondere im Finale bemerkbar macht, das weniger bombastisch-triumphal klingt, sondern eher andächtig und fast feierlich, womit die durchaus vorhandenen heroisch-pathetischen Momente des Werks von einer fast erhabenen, an der Vielfalt und Schönheit der finnischen Natur orientierten Stimmung überlagert werden. Noch ein Hinweis: von den ´modernen` Einspielungen sind die Aufnahmen von Mariss Jansons und Klaus Mäkelä, nicht zu vergessen Paavo Berglund sehr zu empfehlen.