Seite wählen

Der Komponist

Franz Liszt kam am 22. Oktober 1811 in Raiding im Burgenland auf die Welt (damals Königreich Ungarn, heute Österreich). Er begann seine Karriere als Wunderkind-Pianist unter Anleitung des Vaters, studierte 1822 bei Czerny und Salieri, ging 1824 nach Paris (Begegnungen u.a. mit Berlioz und Paganini), wo er bis 1835 als Pianist und gefragter Klavierlehrer arbeitete. Die Beziehung zur Gräfin d`Agoult, aus der drei Kinder hervorgingen (u.a. Wagners zweite Ehefrau Cosima) endete 1844, zu einer Zeit, in der Liszt sich nach Jahren intensiver Konzerttourneen zwischen 1838 und 1842 zunächst als außerordentlicher und 1848 als ordentlicher Hofkapellmeister eine feste Anstellung in Weimar erhielt. Dort lebte er bis 1861, dann folgte eine Zeit des Wechsels zwischen Rom, Budapest und auch wieder Weimar. In der ersten Weimarer Zeit (hier lebte Liszt mit der russischen Fürstin Caroline von Sayn-Wittgenstein zusammen) erlebte nach dem reisenden Virtuosen der Komponist seine Blütezeit. Hier entstanden seine sinfonischen Dichtungen, die maßgeblich zur Begründung der sog. ´Neudeutschen Schule` beitrugen, die Klavierkonzerte und zahlreiche weitere Werke. 1865 empfing Liszt in Rom die niederen Weihen eines Abbé. Er starb am 31. Juli 1886 in Bayreuth.   

Das Werk

Die Komposition entstand 1854 als reines Orchesterwerk, erst 3 Jahre später fügte Liszt – pausenlos eigeleitet von Blechbläsern – den sogenannten ´Chorus Mysticus` für Tenor und Männerchor hinzu. Diese Ergänzung greift zunächst die Schlussverse aus Faust II auf (Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis) und endet mit dem Solo-Tenor und dem lyrischen Gretchen-Thema zu den Worten ´Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan`. Formal verzichtet Liszt auf die klassische Sinfonie-Form, stattdessen arbeitet er mit musikalisch-psychologischen Charakterportraits, die er nach den drei Hauptfiguren der Dichtung benennt: Satz 1 (Faust), Satz 2 (Gretchen), Satz (Mephisto). Alle verwendeten Themen stellt Liszt im ersten Teil vor, sie werden im dritten Teil z.T. erheblich variiert, im Sinne des Alter Egos Mephistos stark verzerrt und komplett neu beleuchtet. Satz 2 stellt in seiner Kantabilität eine Art Ruhepol dar und greift lediglich Elemente besonders der lyrischen Teile aus Teil 1 auf. Die Ursprungsfassung endet nach Wagner ´zart und duftig mit einer letzten, alles bewältigenden Erinnerung an Gretchen`, während das ´banale Pathos` (Dietmar Holland) des Chor-Anhangs bei vielen Beobachtern auf Ablehnung stößt.

Der Dirigent

Iván Fischer wurde am 20. Januar 1951 in Budapest in eine jüdische Musikerfamilie geboren. Sein Vater Sandor war Dirigent und auch sein älterer Bruder Adam ist in diesem Beruf international erfolgreich. Auf ein Kompositionsstudium in Budapest folgte eine Teilnahme an einer Dirigierklasse in Wien bei Hans Swarowsky und eine zweisemestrige Assistenz bei Nikolaus Harnoncourt im Salzburger Mozarteum. Über England (BBC und London Symphony Orchestra) führte sein Weg in die USA, wo er 1983 beim LA Philharmonic Orchestra debütierte und in späteren Jahren alle grossen amerikanischen Orchester als Gast leitete. In Europa besteht eine besondere Verbindung zum Royal Concertgebouw-Orchester, zu dessen Ehrengast-Dirigent er 2021 ernannt wurde. Besonders trat Fischer mit Interpretationen von Werken Bachs, Mozarts (legendär sein Opernzyklus an der Wiener Staatsoper zwischen 1989 und 1991), Brahms`, Mahlers und Bartoks.

Die Interpretation

Keine mir bekannte Einspielung der Faust-Sinfonie kommt der interpretatorischen ´Über-alles-Perfektion` so nahe wie Fischers Aufnahme aus dem Jahr 1997. Dies gilt nicht nur für den Dirigenten und das Orchester, die im 3. Abschnitt die ´teuflischen` Mephisto-Variationen der Faust-Themen mit bestechender Klarheit herausmusizieren oder die Phrasierung der Streicherpassage unterlegt mit fließenden Holzbläser-Klängen im Gretchen-Abschnitt bei 8.34. Weitere Beispiele für die interpretatorische Kraft der Aufnahme finden sich im Gretchen-Teil, z.B. am Beginn, wenn die Flöten und Klarinetten ein keusches, einnehmendes Mädchen suggerieren oder mit den zärtlichen Modulationen bei 3.38. Hinzu kommt eine hervorragende Aufnahmetechnik, die sich offenkundig eine in manchen modernen Aufnahmen selten gewordene Durchhörbarkeit zum Ziel gesetzt hat und den Ausführenden eine adäquate Grundlage bietet. Ein kleiner weiterer Vorteil: bei Fischer erhält der nachkomponierte Chorus Mysticus einen separaten CD-Track, so dass der Hörer sich beide Schlussversionen programmieren kann.

 

 

 

 

Franz Liszt

Faust-Sinfonie S. 108

Ivan Fischer – Budapest Festival Orchestra – 1997