Peter Tschaikowsky
Sinfonie Nr. 6 h-moll op.74
Valery Gergiev – Wiener Philharmoniker – 2004
Der Komponist
Peter Iljitsch Tschaikowsky wurde am 25. April (7. Mai) 1840 in Wotkinsk geboren. Obwohl seine musikalischen Fähigkeiten sich früh zeigten, begann er zunächst eine juristische Ausbildung und arbeitete im Staatsdienst. Zwischen 1861 und 1865 studierte er dann bei Anton Rubinstein am Petersburger Konservatorium, 1867 wurde er als Dozent ans Moskauer Konservatorium berufen, eine Stellung, die er 1878 aufgab, nachdem er von Nadeschda von Merck, mit der ihn eine enge Brieffreundschaft verband, die er jedoch nie persönlich getroffen hat, eine jährliche Pension erhielt, die ihn finanziell komplett unabhängig machte. Darüber hinaus war Frau von Merck auch emotional eine große Hilfe, denn Tschaikowsky litt zeitlebens unter Depressionen. Zudem hielt er seine Homosexualität geheim, versuchte gar, den diesbezüglichen Gerüchten mit der überstürzten, nach kurzer Zeit kläglich scheiternden Ehe mit einer Studentin entgegenzutreten. Die finanzielle Unabhängigkeit verschaffte ihm jedoch den künstlerischen Freiraum zur Schaffung einiger seiner wichtigsten Werke, die ihm bis heute den Ruf des bedeutendsten russischen Komponisten des 19. Jahrhunderts eintragen. Tschaikowsky starb am 6. November 1893 in St. Petersburg.
Das Werk
Tschaikowskys ´Schwanengesang` aus seinem Todesjahr – im August 1893 vollendete der Komponist die Orchesterpartitur – die Uraufführung fand am 16. Oktober in St. Petersburg unter seiner Leitung statt. Zunächst fällt mit der Verlegung des langsamen Satzes ans Ende der Komposition der von der Tradition abweichende Aufbau der Sinfonie auf, der – insbesondere in Verbindung mit immer wieder auftauchenden Vermutungen zu Tschaikowskys möglichen Freitod, Rückschlüsse zulässt auf die seelische Verfassung des zu Depressionen und Melancholie neigenden Komponisten. Die einzelnen Sätze sind in ihren Grundformen – abgesehen vom Finale – an der Tradition ausgerichtet: Satz 1 (Adagio – Allegro non troppo) ist ein Sonatensatz mit einer höchst dramatischen Durchführung und einer ins Resignative veränderten Reprise. Satz 2 (Allegro con grazia) erinnert an die dreiteilige Liedform, ist aber durch die Taktart fünf Viertel in seiner Wirkung eher irritierend instabil. Satz 3 (Allegro molto vivace) ist als marschartiges Scherzo angelegt mit einem scheinbar triumphalen Höhepunkt. Das Finale (Adagio lamentoso) in der ´Todestonart h-moll` ist formal mit traditionellen Begriffen schwer zu fassen, insbesondere das Versinken in ein klangliches Nichts am Ende darf getrost als revolutionär angesehen werden.
Der Dirigent
Valery Gergiev wurde am 2. Mai 1953 in Moskau geboren. Er studierte bereits als Jugendlicher am Rimsky-Korssakoff-Konservatorium im damaligen Leningrad. 1977 gewann er den Herbert-von-Karajan-Wettbewerb in Berlin, noch im selben Jahr wurde er als Dirigent ans Kirow-Theater Leningrad berufen, das er 1988 als künstlerischer Leiter übernahm. Seit 1996 ist Gergiev Intendant des inzwischen wieder seinen ursprünglichen Namen tragenden Mariinsky Theaters in St. Petersburg. In dieser Funktion knüpfte er vielfältige internationale Kontakte, die dem umtriebigen, agilen Gergiev vielfältige internationale Kontakte brachten (Metropolitan Opera, Bayreuth, Chefdirigent des London Symphony Orchestra von 2007 – 2015). Ab 2015 wurde er Nachfolger von Lorin Maazel als Chefdirigent der Münchner Philharmoniker, sein Vertrag wurde allerdings am 1. März 2022 aufgehoben wegen seiner Weigerung sich vom russischen Einmarsch in die Ukraine zu distanzieren. Seit Dezember 2023 ist Gergiev auch Generaldirektor des Bolschoi-Theaters Moskau.
Die Interpretation
Kaum ein Werk kommt auf derart große Auswahl an Einspielungen wie Tschaikowskys 6. Sinfonie, noch dazu mit einer solchen Bandbreite an interpretatorischen Vorstellungen und Lösungen. Bei Gergievs Aufnahme aus dem Jahr 2004 mit den Wiener Philharmonikern fällt zunächst der für die Wiener ungewöhnlich durchgehend dichte, dunkle Klang insbesondere der Streicher auf, der die melancholische Grundstimmung der Sinfonie perfekt widerspiegelt. Zudem arbeitet Gergiev mit sehr bis extrem flexiblen Tempi, besonders im Finale, das vom beinahe Stillstand des Beginns fast bis zum vollständigen ´Verlöschen` am Ende des Satzes reicht. Im zweiten Satz betont Gergiev den 5/4 Takt so deutlich, dass der Salonwalzer unwirklich klingt, so als sei er nur noch eine entfernte Erinnerung. Der Marsch dagegen wirkt bewusst ´überdreht`, das Ende wie ein totaler Triumph, aber im Finale folgt der unvermeidliche Absturz. Insgesamt erweisen sich russische Seele und Ausdruckskraft und die dem Stück angepasste Wiener Klangkultur als ideale Kombination.