Olivier Messiaen
Turangalila-Sinfonie
Myung Whun Chung – Orch. der Opéra Bastille 1990
Der Komponist
Olivier Eugène Prosper Charles Messiaen wurde am 10. Dezember 1908 in Avignon geboren. Seit etwa seinem achten Lebensjahr begann er musikalisches Interesse zu entwickeln und erhielt Klavierunterricht. Starken Einfluss übten dabei die Klavierwerke Ravel und Debussys, von letzterem zudem dessen Oper ´Pelleas et Melisande`, die lt. Messiaen wie eine Offenbarung auf ihn gewirkt habe. Von 1919 bis 1930 studierte Messiaen am Pariser Konservatorium zahlreiche Fächer (Klavier, Harmonielehre, Musikgeschichte, Orgel, Komposition (bei Paul Dukas), Fuge, Kontrapunkt und Orchestrierung. 1931 übernahm Messiaen die Organistenstelle an der Kirche La Trinité in Paris, die er 60 Jahre ausübte. Ab 1936 begann er an der Ecole Normale de Musique de Paris (Blattspiel am Klavier) sowie Schola Cantorum (Orgelimprovisation) zu unterrichten. 1939 wurde Messiaen zum Kriegsdienst einberufen, geriet 1940 in Gefangenschaft, kehrte 1941 nach Paris zurück, wo er im selben Jahr ans Konservatorium berufen wurde und Harmonielehre unterrichtete. 1947 kamen die Fächer Analyse, Ästhetik und Rhythmus hinzu. In zweiter Ehe heiratete Messiaen 1961 die Pianistin Yvonne Loriod, die fortan zu einer sehr wichtigen Interpretin seiner Musik werden sollte. Nachdem ihm geraume Zeit wegen ´skandalträchtigen Modernismus` das Leiten einer Kompositionsklasse behördlich untersagt worden war, durfte er ab 1966 auch dieses Fach unterrichten. Von 1966 bis 1978, als er seine Tätigkeit am Konservatorium beendete, unterrichtete er so wichtige Tonsetzer der Neuzeit wie Pierre Boulez, Karlheinz Stockhausen, Mikis Theodorakis und Iannis Xenakis, um nur ein paar Namen zu erwähnen. Zwischen 1975 und 1983 entstand seine einzige Oper (Saint Fancois d`Assise) als Auftragswerk des Intendanten Rolf Liebermann der Pariser Oper auf ein eigenes Libretto. Olivier Messiaen starb am 27. April 1992 in Clichy, Haut-de-Seine an den Folgen chirurgischer Komplikationen.
Das Werk
Messiaen schrieb die Sinfonie zwischen 1946 und 1948 als Auftragswerk des Dirigenten Serge Koussevitzky und des Boston Symphony Orchestra. Die Uraufführung fand 2. Dezember 1949 unter Leitung von Leonard Bernstein statt, der den erkrankten Koussevitzky vertrat. Der Titel stammt aus dem Sanskrit, ´turanga` bedeutete für Messiaen Bewegung und Geschwindigkeit, ´lila` Anmut, Liebe, Freude. Die Sinfonie ist eines der Hauptwerke der Nachkriegs-Avantgarde, hat sich bis heute dauerhaft im Repertoire gehalten, sie verbindet mit ihrer Dauer von etwa 80 Minuten monumentale Form, farbenfrohe Instrumentation und extrem reiche Rhythmen mit einem gewaltigen Orchester-Apparat, der zusätzlich vom Klavier und den Klkängen des elektronischen Ondes Martinot bereichert wird. Messiaen führt mit ihr die Idee der Sinfonischen Dichtung verbunden mit außereuropäischen Einflüssen ins 20. Jahrhundert. Das Werk besteht aus 10 Sätzen, die im Wesentlichen aus schnellen, bewegten, bis hin zu ekstatischen Aufschwüngen kontrastiert mit ruhigen, lyrischen Teilen ganz im Sinne des Titels bestehen. Messiaen hat die Partitur mehrfach überarbeitet, die letzte Fassung stammt aus dem Jahr 1990.
Der Dirigent
Myung-Whun Chung wurde am 22. Januar 1953 in Seoul geboren. Bereits im Alter von 7 Jahren trat er als Klavier-Solist mit dem Philharmonischen Orchester Seoul auf. Nachdem die Familie 1968 in die USA ausgewandert war, studierte Chung bis 1975 am Mannes College of Music in New York (Klavier und Dirigat), setzte seine Ausbildung im Dirigierfach direkt danach an der Juillard School fort und wurde 1978 Assistent von Carlo Maria Giulini beim Los Angeles Philharmonic Orchestra, zwei Jahre später wurde er zum Associate Director ernannt. 1981 ging Chung nach Europa mit Stationen als musikalischer Direktor und Chefdirigent beim Rundfunk-Sinfonieorchester Saarbrücken (1984-1990), bei der Opéra Bastille (1990-1994), dem Orchester Philharmonique de Radio France (2000-2015). In diesen Jahren dirigierte Chung als Gastdirigent nahezu alle bedeutenden Orchester und an allen bedeutenden Bühnen. Ab Ende 2026 wird Chung Musikalischer Direktor der Mailänder Scala.
Die Interpretation
Allein die Monumentalität der Turangalila Sinfonie könnte zu der Vermutung Anlass geben, dass es nur eine begrenzte Zahl von Einspielungen auf Tonträger geschafft hat, aber weit gefehlt. Kaum ein Werk der Moderne ist mit einer so großen Zahl hervorragender Interpretationen im Katalog vertreten. Allein wegen der Beteiligung von Yvonne und Jeanne Loriod (zwei zentralen Messiaen-Interpretinnen der frühen Jahre) gebührt der Einspielung von Myung-Whun Chung eine Spitzenposition, da sie sehr eng mit den Ideen und Vorstellungen des Komponisten verbunden scheint, der zudem persönlich bei der Aufnahme mitgewirkt hat, dabei eine weniger analytische als warm leuchtende Lesart bietet. Es existieren zahlreiche Alternativen: Simon Rattle (1986) mit dem Bournemouth SO, Kent Nagano (2000) mit den Berliner Philharmonikern, Riccardo Chailly (1992) mit dem Concertgebouw Orchester in einer manchmal übertrieben leidenschaftlichen Interpretation, Esa-Pekka Salonen (1985 – Philharmonia Orchestra) und als ´moderne` Einspielung Andris Nelsons (2024 – Boston Symphony Orchestra). Aber: mindestens 10 weitere Aufnahmen sind genauso hörenswert, genau genommen gibt es keine schlechte Aufnahme der Turangalila Sinfonie, mir ist zumindest keine bekannt.