Franz Liszt
Faust-Sinfonie S. 108
Georg Solti – Chicago Symphony Orchestra – 1988
Der Komponist
Franz Liszt kam am 22. Oktober 1811 in Raiding im Burgenland auf die Welt (damals Königreich Ungarn, heute Österreich). Er begann seine Karriere als Wunderkind-Pianist unter Anleitung des Vaters, studierte 1822 bei Czerny und Salieri, ging 1824 nach Paris (Begegnungen u.a. mit Berlioz und Paganini), wo er bis 1835 als Pianist und gefragter Klavierlehrer arbeitete. Die Beziehung zur Gräfin d`Agoult, aus der drei Kinder hervorgingen (u.a. Wagners zweite Ehefrau Cosima) endete 1844, zu einer Zeit, in der Liszt sich nach Jahren intensiver Konzerttourneen zwischen 1838 und 1842 zunächst als außerordentlicher und 1848 als ordentlicher Hofkapellmeister eine feste Anstellung in Weimar erhielt. Dort lebte er bis 1861, dann folgte eine Zeit des Wechsels zwischen Rom, Budapest und auch wieder Weimar. In der ersten Weimarer Zeit (hier lebte Liszt mit der russischen Fürstin Caroline von Sayn-Wittgenstein zusammen) erlebte nach dem reisenden Virtuosen der Komponist seine Blütezeit. Hier entstanden seine sinfonischen Dichtungen, die maßgeblich zur Begründung der sog. ´Neudeutschen Schule` beitrugen, die Klavierkonzerte und zahlreiche weitere Werke. 1865 empfing Liszt in Rom die niederen Weihen eines Abbé. Er starb am 31. Juli 1886 in Bayreuth.
Das Werk
Die Komposition entstand 1854 als reines Orchesterwerk, erst 3 Jahre später fügte Liszt – pausenlos eigeleitet von Blechbläsern – den sogenannten ´Chorus Mysticus` für Tenor und Männerchor hinzu. Diese Ergänzung greift zunächst die Schlussverse aus Faust II auf (Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis) und endet mit dem Solo-Tenor und dem lyrischen Gretchen-Thema zu den Worten ´Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan`. Formal verzichtet Liszt auf die klassische Sinfonie-Form, stattdessen arbeitet er mit musikalisch-psychologischen Charakterportraits, die er nach den drei Hauptfiguren der Dichtung benennt: Satz 1 (Faust), Satz 2 (Gretchen), Satz (Mephisto). Alle verwendeten Themen stellt Liszt im ersten Teil vor, sie werden im dritten Teil z.T. erheblich variiert, im Sinne des Alter Egos Mephistos stark verzerrt und komplett neu beleuchtet. Satz 2 stellt in seiner Kantabilität eine Art Ruhepol dar und greift lediglich Elemente besonders der lyrischen Teile aus Teil 1 auf. Die Ursprungsfassung endet nach Wagner ´zart und duftig mit einer letzten, alles bewältigenden Erinnerung an Gretchen`, während das ´banale Pathos` (Dietmar Holland) des Chor-Anhangs bei vielen Beobachtern auf Ablehnung stößt.
Der Dirigent
György (später Georg) Solti wurde am 21. Oktober 1912 in Budapest geboren. Bereits im Alter von 13 Jahren wurde er in die dortige Franz-Liszt-Akademie aufgenommen (Lehrer u.a. Bartok, Kodaly und Dohnanyi), mit 18 Jahren trat er eine Stellung als Kapellmeister am Opernhaus seiner Heimatstadt an. 1937 arbeitete Solti als Assistent Toscaninis in Salzburg bei dessen Zauberflöten-Produktion, eine Erfahrung, die ihn zeitlebens in seiner Arbeit als Dirigent prägte. Als gebürtiger Jude emigrierte er zu Beginn des 2. Weltkriegs in die Schweiz, wo er sich angesichts der fehlenden Dirigiererlaubnis finanziell als Pianist über Wasser hielt. Nach Ende des Kriegs ging Solti zunächst für 4 Jahre als Generalmusikdirektor an die Bayrische Staatasoper in München, ab 1951 bis 1960 nahm er die gleiche Position in Frankfurt ein. Es folgten 10 Jahre an der Royal Opera Covent Garden, die Zeit, in der die legendäre Aufnahme von Wagners Ring entstand. Reletiv spät erst begann Solti 1970 mit der Übernahme des Chicago Symphony Orchestra als Konzertdirigent zu wirken, die folgenden 20 Jahre jedoch bewiesen seine herausragenden Fähigkeiten auch auf diesem Gebiet, insbesondere, aber keineswegs beschränkt, auf die Zyklen der Sinfonien Bruckners und Mahlers. Georg Solti starb am 5. September in Antibes in Südfrankreich.
Die Interpretation
Soltis Einspielung aus dem Jahr 1986 besticht zunächst durch ihre ungeheure Energie, die bereits in der langsamen Einleitung deutlich wird und in allen drei Teilen deutlich hörbar bleibt. Ist Teil 1 geprägt von der Rastlosigkeit und Zerrissenheit Fausts, deren thematische Kontraste Solti klar herausarbeitet, so entsteht im 2. Satz ein Gretchen von lyrischer Reinheit, eingebettet in warmen Streicherklang, während Mephistos Zerstörungswut gekennzeichnet ist durch ungemein verschärfte Klänge des Blechs und scharfe rhythmische Akzente. Ein Großteil der interpretatorischen Kraft der Aufnahme ist dem Orchester zu verdanken, das durchweg auf allerhöchstem Niveau agiert, wobei die Holz- und Blechbläser ein besonderes Lob verdienen, genauso wie das stets transparente, dabei dynamische Klangbild. Eine ´beste` Aufnahme der Faust Sinfonie wird es vielleicht niemals geben (dazu lässt die Partitur ´zu viel` Spielraum), aber Solti gehört mit seiner Einspielung weit nach oben in der Rangliste neben dem Philosophen Bernstein, Masur mit seiner klassisch-traditionellen Lesart sowie natürlich Fischer.