Richard Wagner
Tristan und Isolde
Carlos Kleiber – 1980
Der Komponist
Richard Wagner, am 22. Mai 1813 in Leipzig geboren, fand erst relativ spät – im Alter von 14 Jahren -zur Musik, zunächst im Selbststudium, ab 1827 erhielt er Unterricht beim Thomaskantor Thomas Weinlig, ab 1831 war er Schüler an der Universität Leipzig. Sein Leben bis 1864 war von zahlreichen Ortswechseln und Problemen geprägt: er arbeitete als Opernkapellmeister in Würzburg, Magdeburg, Königsberg und Riga, von wo er 1839 hochverschuldet fliehen musste. Über London erreichte er Paris, das er 1842 Richtung Dresden verließ. Dort feierte er im gleichen Jahr mit der Uraufführung des ´Rienzi` seinen ersten Erfolg als Opernkomponist. Er wurde zum Hofkapellmeister ernannt, es folgten Premieren des ´Fliegenden Holländers` (1843) und des Tannhäuser` (1845), jedoch musste Wagner in der Folge der 1848er Revolution fliehen und ließ sich – steckbrieflich gesucht – in der Schweiz nieder. Noch einmal ging er 1860 nach Paris, um ein Fiasko bei der Aufführung des umgearbeiteten ´Tannhäuser` zu erleben. Ab 1861 durfte Wagner zurück nach Deutschland und nachdem er 1864 von Ludwig II. von Bayern nach München berufen wurde, lebte er dort für die nächsten acht Jahre (Uraufführungen: ´Tristan und Isolde` (1865), ´Meistersinger` (1868), ´Rheingold` (1869), ´Walküre` (1870). 1872 ging Wagner nach Bayreuth, wo 1876 die ersten Festspiele mit der Erstaufführung des kompletten ´Ring` stattfanden und auch Wagners letztes Werk – ´Parsifal` 1882 zum ersten Mal erklang. Richard Wagner starb am 13. Februar 1883 während eines Aufenthalts in Venedig, begraben wurde er in Bayreuth.
Das Werk
Wagner begann bereits im Jahr 1854, sich intensiv mit diesem Stoff, dem Versroman ´Tristan` von Gottfried von Straßburg aus dem 13. Jahrhundert, zu beschäftigen. Mit der Komposition begann er 1857 – dafür die Arbeit am ´Ring` unterbrechend – im August 1859 lag die Partitur fertig vor. Die Oper wurde jedoch erst am 10. Juni 1865 unter der Leitung von Hans von Bülow am Nationaltheater München uraufgeführt – nach vergeblichen Versuchen an diversen Orten, u.a. auch Karlsruhe und Wien, dort wurde die Premiere 1863 nach 77 Proben abgesagt. Mit ´Tristan und Isolde` hat Wagner sämtliche bisherigen Opernkonventionen abgelegt, betritt völliges Neuland sowohl hinsichtlich des Textes und auch der Musik. Die Verse besitzen vielfach rätselhaften Charakter – wie Eigen-Monologe des eigentlich Unsagbaren, die weder an den Partner noch den Zuschauer gerichtet sind. Dazu erklingt eine Musik, die nicht nur an den Grundfesten der Tonalität rüttelt (Tristan-Akkord), sondern durch die häufige Verlagerung der Leitmotive vom Sänger hin zum Orchester – Wagner nennt das ´Orchestermelodie` – eine ungemein intensive und akribische Umsetzung der Partitur und zugleich völlig neue Art des Hörens erfordert.
Der Dirigent
Carlos (ursprünglich Karl) Kleiber, Sohn des zu seiner Zeit kaum weniger geschätzten Dirigenten Erich Kleiber, wurde am 3. Juli 1930 in Berlin geboren, er gilt vielen Kennern als das ´Genie des Taktstocks` des 20. Jahrhunderts, trotz oder gerade wegen der ihn begleitenden Verbal-Klischees wie ´genialischer Außenseiter, manischer Wille, Fanatiker am Dirigentenpult, Virtuose der Verweigerung, am Ende: der begnadete Eremit` (Wolfgang Schreiber: Große Dirigenten S. 435). 1935 emigrierten seine Eltern nach Argentinien, kehrten aber nach dem Krieg nach Europa in die Schweiz zurück. Carlos studierte zunächst Chemie, ab 1952 aber wandte er sich komplett der Musik zu. Er dirigierte an diversen deutschen Opernhäusern (Debüt 1954 in Potsdam mit der Operette ´Gasparone`) mit wichtigen Stationen in Düsseldorf, Zürich, Stuttgart und schließlich München, ehe er ab 1973 eine Karriere als Gastdirigent aufnahm mit in den späteren Jahren langen Pausen und – so wird kolportiert – abstrusen Gagenforderungen. Seine wenigen Studio-Aufnahmen sind legendär, darunter Beethovens 5. und 7. sowie Brahms` 4. Sinfonie und die Bühnenwerke ´Der Freischütz`, ´La Traviata`, ´Die Fledermaus` und natürlich ´Tristan und Isolde`.
Sänger, Chor und Orchester
Isolde: Margaret Price
Tristan: René Kollo
Brangäne: Brigitte Fassbaender
Kurwenal: Dietrich Fischer-Dieskau
Marke: Kurt Moll
Rundfunkchor Leipzig, Staatskapelle Dresden
Die Interpretation
Die Aufnahme entstand 1980 in der Dresdner Lukaskirche mit der Staatskapelle Dresden, dem Rundfunkchor Leipzig und den Solisten Margaret Price, René Kollo, Brigitte Fassbaender, Dietrich Fischer-Dieskau und Kurt Moll. Kleiber hatte vor Ende der Aufnahmen im Streit mit René Kollo das Studio verlassen und versuchte geraume Zeit, die Veröffentlichung des aus seiner Sicht klanglich und künstlerisch unvollkommenen Endmixes zu verhindern. Die Einspielung erschien aber dennoch mit Verzögerung 1981 und gilt bis heute als Höhepunkt der Wagner-Diskografie, wobei insbesondere Margaret Price als Isolde glänzt, die die Rolle nie zuvor auf der Bühne gesungen hatte, mit ihrer lyrischen und zugleich inbrünstigen Darstellung (im Schlussgesang lässt sie beinahe die ansonsten unerreichte Frieda Leider vergessen) kann man sie durchaus als kongeniale Partnerin des Dirigenten bezeichnen. Kleiber gelingen mit der Staatskapelle Dresden zugleich schlanke, feinsinnige, in vielen Momenten jedoch auch zutiefst intensive Orchesterklänge, die alle Leidenschaft und Ekstase in Wagners Partitur erklingen lässt. Leider erreicht René Kollo den hohen Standard von Price und Kleiber nicht, sein Tristan klingt vielfach angestrengt, in wichtigen Passagen, z.B. dem Liebesduett, fehlt ihm das ´blühende Melos` (Jürgen Kesting) seiner Partnerin. Abgesehen von Dietrich Fischer-Dieskau als Kurwenal, dessen Darstellung eher wie eine Karikatur der Figur klingt, sind Brangäne mit Brigitte Fassbaender und Marke mit Kurt Moll gut bis hervorragend besetzt. Von den erwähnten Ausnahmen abgesehen eine Einspielung für die einsame Insel.