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Friedrich Smetana

Mein Vaterland

Vaclav Talich – Tschechische Philharmonie – 1954

Der Komponist

Bedrich (Friedrich) Smetana wurde am 2. März 1824 in Lytomysl, Böhmen geboren. Schon im Alter von vier Jahren begann er, Klavier und Geige zu spielen, ab 1843 studierte er Klavier und Musiktheorie in Prag, gründete 1848 eine eigene Musikschule, verließ aber Prag 1856, um als Leiter der dortigen Abonnementskonzerte nach Göteborg zu gehen. 1861 kehrte er nach Prag zurück, war dort u.a. als Dirigent der tschechischen Philharmonischen Konzerte und am Prager Nationaltheater tätig. Neben Anton Dvorak gilt Smetana als Begründer und herausragender Vertreter der tschechischen Nationalmusik, in der er moderne kompositorische Ideen (u.a. Einflüsse von Liszt und Wagner) mit den Traditionen seiner böhmischen Heimat verband. Nachdem er 1872 einen Tinnitus entwickelt hatte (zu hören im Schlußsatz seines Streichquartetts e-moll), wurde er 1874 komplett taub. Auch unter diesen Umständen arbeitete Smetana kontinuierlich, wenn auch stark eingeschränkt weiter, einige seiner wichtigsten Werke (4 Opern, 2 Streichquartette und der Zyklus ´Mein Vaterland` stammen aus dieser Zeit). Friedrich Smetana starb am 12. Mai 1884 in Prag.

Das Werk  

Smetana schrieb diesen Zyklus zwischen 1874 und 1879, ursprünglich aus vier Teilen bestehend, fügte der Komponist die Teile 5 und 6 im Winter 1878/9 hinzu. Die Titel lauten:  Vysehrad, Die Moldau (Vltava), Sarka, Aus Böhmens Hain und Flur, Tabor und Blanik. Vysehrad beschreibt die einstige Größe der Königsburg der gleichnamigen Königsburg und ihren Verfall und Untergang in einem monothematischen Sonatensatz. Teil 2 (Die Moldau) folgt den Hauptfluss Böhmens in Rondoform von der Quelle bis zur Mündung in die Elbe mit verschiedenen Stationen wie einer Jagd, einer Bauernhochzeit, einem Nymphenreigen, Stromschnellen und – zum Ende – der Burg Vysehrad. Im dritten Teil tauchen wir in die blutrünstige Sagenwelt ein: die von ihrem Geliebten betrogene Amazone Sarka schwört allen Männern Rache und vollführt sie gnadenlos an dem jungen Adligen Ctirad und seinem Gefolge. Smetana beschreibt die Vorgänge (Sarkas Zorn, Ctirads Verliebtheit, die ´Liebesszene` und die auf eine fahl instrumentierte Überleitung folgende mörderische Katastrophe in einer zwischen Variations- und freier Sonatenform chargierenden Form. Reine Idylle begegnet uns im vierten Teil in der Beschreibung böhmischer Landschaft, das ganze in einem ausgedehnten Variationssatz. Die beiden, eng miteinander verknüpften letzten Teile basieren auf Motiven aus dem Choral ´Die ihr Gotteskämpfer seid` und beschreiben die Entschlossenheit und den Heldenmut der Hussiten (Tabor), die sich in das Innere des Bergs Blanik zurückziehen, um im entscheidenden Moment für die Rettung des tschechischen Volkes bereit zu sein. Nach einem idyllischen Zwischenspiel endet der Zyklus mit einer hymnischen Apotheose, die zunächst aus der Ferne aufscheint, in der sich schließlich der Choral, das Vysehrad-Motiv und der Blanik-Marsch in einer grandiosen Coda vereinen.

Der Dirigent

Vaclav Talich wurde am 28. Mai 1883 in Kroměříž (Mähren) geboren. Er studierte 1897 und 1903 Violine am Prager Konservatorium, ging nach Abschluß seines Studiums zu den Berliner Philharmonikern, traf dort auf Arthur Nikisch, der ihn dazu inspirierte, die Dirigentenlaufbahn einzuschlagen. Nach ausgedehnten Lehr- und Wanderjahren wurde Talich 1919 zum Chefdirigenten der Tschechischen Philharmonie ernannt, eine Position, von der er 1941 zurücktrat (sein Nachfolger wurde Rafael Kubelik), weil er seit 1935 die Intendanz des Prager Nationaltheaters, nun aber auch die Position des Chefdirigenten des dortigen Orchesters übernahm. Nach dem Krieg wurde ihm fälschlicherweise Kollaboration mit den Nationalsozialisten unterstellt, die seine Tätigkeit stark einschränkten, nach Übernahme der Regierung im Februar 1948 wurde ihm sogar jeglicher Auftritt verboten, ein Verbot, das erst 1954 aufgehoben wurde. Talich gehört zu ganz großen Dirigenten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, künstlerisch durchaus in einer Linie mit Dirigenten wie Otto Klemperer, Wilhelm Furtwängler und Bruno Walter. Er starb am 16. März 1961 in Beroun (Tschechien).   

Die Interpretation

Um die Bedeutung Vaclav Talichs zu erkennen, genügt die Kenntnis seiner Einspielung von ´Mein Vaterland` mit der Tschechischen Philharmonie aus dem Jahr 1954, die trotz der Mono-Aufnahmetechnik ungemein lebendig klingt. Es gelingt Talich, die zugrunde liegende Poesie der einzelnen Stücke hörbar zu machen, sozusagen eine ideale ´authentische` tschechische Interpretation. Das zwar nicht komplette Gegenstück dazu bildet die Live-Aufnahme mit Rafael Kubelik aus dem Jahr 1990, aber hier springt aus fast jedem Takt eine emotionale Tiefe, bedingt durch die soeben erfolgte politische Öffnung, die es Kubelik erlaubte, endlich wieder in seiner Heimat zu dirigieren. Eine Art von ´goldener` Mitte trifft Kubelik in der Aufnahme mit dem Symphonieorchester des Bayrischen Rundfunks aus dem Jahr 1984. Ebenso Sir Charles Mackerras mit der Tschechischen Philharmonie 1999.