Gustav Mahler
Das Lied von der Erde
Wiener Philharmoniker – Kathleen Ferrier, Julius Patzak, Bruno Walter – 1952
Der Komponist
Gustav Mahler wurde am 7. Juli 1860 in Kalischt (Böhmen) geboren und wirkte gleichermaßen als Dirigent und Komponist. Er begann im Alter von fünf Jahren, Klavier zu spielen, als er fünfzehn Jahre alt war, ging er zum Studium ans Wiener Konservatorium, u.a. unterrichtet von Anton Bruckner und Robert Fuchs. Seine Dirigentenlaufbahn führte ihn über diverse Stationen schließlich 1886 nach Leipzig zu Arthur Nikisch. Zwei Jahre später wurde er Operndirektor in Budapest. Es folgten leitende Stationen in Hamburg (1891-97), 1897-1907 (Wiener Hofoper) und ab 1907 an der Metropolitan Opera New York sowie der New York Philharmonic Society. Als Komponist konzentrierte Mahler sich zunächst auf das Lied- und Chorschaffen, ab 1888 aber schwerpunktmäßig auf seine sinfonischen Ambitionen. Mahler starb am 18. Mai 1911 in Wien.
Die Sänger
Kathleen Ferrier (1912-1953), ist eine der bedeutendsten Altistinnen des 20. Jahrhunderts, deren außergewöhnliche Begabung durch Zufall entdeckt wurde, als sie 1937 an einem Klavier- und Gesangswettbewerb teilnahm, bei dem sie den ersten Preis als beste Sängerin erhielt. Ihre Karriere, die sich überwiegend im Oratorien- und Liedbereich (Oratorien von Händel und Elgar, Lieder von Brahms, Schubert, Schumann und natürlich Mahler) vollzog (Opernrollen hat sie lediglich in Glucks ´Orfeo` und Britten`s `Rape of Lucretia` übernommen), begann zwischen 1939 und 1945 in England, nach Ende des Kriegs startete ihre Weltkarriere mit Auftritten u.a. in der Carnegie Hall und den Salzburger Festspielen und zahlreichen Tourneen. Sie starb im 43. Lebensjahr an den Folgeneines Brustkrebs.
Julius Patzak (1898-1974) war ein bedeutender österreichischer Tenor des 20. Jahrhunderts im lyrischen und Charakterfach, besonders in Mozart- und Strauss-Partien, aber auch als Interpret von Liedern (mit seinem Klavierpartner Erik Werba) und Oratorien (Evangelist in Bachs Passionen, besonders aber in Franz Schmidts ´Buch mit sieben Siegeln`). Patzak war fast alljährlich an den Salzburger Festspielen beteiligt und bis zu seinem Karriereende im Jahre 1960 hochgeschätztes Mitglied der Wiener Staatsoper, wo er mit Dirigenten wie Karl Böhm, Clemens Kraus und Herbert von Karajan end und erfolgreich zusammenarbeitete.
Der Dirigent
Bruno Walter (1876-1962) gehört zu den wichtigsten Dirigenten des 20. Jahrhunderts. Hochtalentiert wurde er bereits 1894 Assistent bei Gustav Mahler in Hamburg, von dem er 1901 nach diversen Stationen (u.a. Berliner Staatsoper) nach Wien eingeladen wurde. Dort wirkte er bis 1913 als Leiter der Hofoper, es folgten von 1913-22 München als Generalmusikdirektor der königlichen Hofoper, ab 1924 Berlin (Städtische Oper Berlin-Charlottenburg) und 1929 Salzburg, dort als Mitgründer der Festspiele. Walter ging 1933 zunächst nach Wien, 1939 emigrierte er nach Aufenthalten in der Schweiz und Frankreich in die USA. Dort arbeitete er hauptsächlich mit den New Yorker Philharmonikern, dem Los Angeles Philharmonic und dem eigens für ihn gegründeten Columbia Symphony Orchestra. Zahlreiche legendäre Aufnahmen bestätigen seine Bedeutung, insbesondere bei Mozart, Beethoven und – natürlich – Mahler.
Das Werk
´Das Lied von der Erde` entstand in den Jahren 1908/9, es wurde posthum am 20. November in München unter der Leitung von Bruno Walter uraufgeführt. Der Zyklus von sechs Liedern ist eine Mischung aus Sinfonie und Lied und basiert auf chinesischer Lyrik aus der Tang-Dynastie, nachgedichtet von Hans Bethge in der Sammlung ´Die chinesische Flöte`. Das Werk besteht aus sechs Liedern im Wechsel zwischen Lebensfreude, Melancholie und Abschied, zugleich aufgeteilt zwischen Tenor und Alt oder alternativ Bariton mit folgenden Titeln: 1. Das Trinklied vom Jammer der Erde – (Tenor), 2. Der Einsame im Herbst – (Alt/Bariton), 3. Von der Jugend – (Tenor), 4. Von der Schönheit – (Alt), 5. Der Trunkene im Frühling – (Tenor), 6. Der Abschied – (Alt). Es gelingt Mahler, dem exotischen Kolorit der Texte mit einer leicht verfremdenden musikalischen Ausgestaltung (im Ansatz pentatonisch) den passenden Charakter zu geben und zugleich über die sechs Sätze den Ansatz einer Sinfonie zu gestalten.
Die Interpretation
Man mag es kaum glauben, aber lt. Jürgen Kesting existierten 2015, dem Zeitpunkt seiner Kanon-Folge in der Zeitschrift Fono Forum, 60 Einspielungen und 90 Mitschnitte vom ´Lied der Erde` (entstanden ab 1936), davon drei unter Leitung von Bruno Walter. Die mittlere aus dem 1952 gilt seit mehr als 70 Jahren trotz mancher Detailkritik als das Maß aller Dinge: welche Sängerin hat Mahlers Musik mit so vollkommener Hingabe und emotionaler Tiefe besonders im letzten Lied interpretiert wie Kathleen Ferrier (zu der auch ihre persönliche Situation einer Krebserkrankung beigetragen haben, die nur ein Jahr später zu ihrem frühen Tod führte), welcher Tenor hat den Text so lebendig-verständlich vorgetragen wie Julius Patzak (kleine altersbedingte Stimmprobleme sollen nicht verschwiegen werden), von Bruno Walter als Freund des Komponisten und Dirigent der Uraufführung ganz zu schweigen. Nun, bei 149 Konkurrenten, gibt es natürlich Alternativen wie Christa Ludwig auf dem Höhepunkt ihrer künstlerischen Entwicklung in der Aufnahme aus dem Jahr 1964 mit Otto Klemperer am Pult (und einem jungen, stimmlich überwältigenden Fritz Wunderlich), Janet Baker unter Bernard Haitink (mit James King als Tenor) und last not least Brigitte Fassbaender mit Carlo Maria Giulini (1984). Eine weitere Alternative, die den Bariton Dietrich Fischer-Dieskau unter Leonard Bernstein (noch einmal James King) in einer seiner eindringlichsten Leistungen auf Tonträgern festhielt. Diese vier Interpretationen sollte man auf jeden Fall gehört haben.