Edvard Grieg
Klavierkonzert a-moll op. 16
Leon Fleisher, George Szell – Cleveland Orchestra – 1962
Der Komponist
Edvard Hagerup Grieg wurde am 15. Juni 1843 in Bergen, Norwegen geboren. Im Alter von 6 Jahren erhielt er zunächst Musikunterricht von seiner Mutter und wurde zudem durch den Geigenvirtuosen Ole Bull gefördert, der ihm empfahl, am Leipziger Konservatorium zu studieren. Dort begann er 1858 seine weitere Ausbildung u.a. bei Carl Reinecke und Ignaz Moscheles, die durch eine schwere Krankheit beeinträchtigt wurde, ehe er 1862 nach Norwegen zurückkehrte. Dort blieb er zeitlebens als Komponist, Pianist, Dirigent und Lehrer aktiv, abgesehen von kurzen Aufenthalten in Kopenhagen (1863) und Reisen nach Italien (1865 und 1870). Ab 1885 lebte er in seinem Haus „Troldhaugen“ bei Bergen, das heute als Museum seinem Andenken gewidmet ist. Er starb am 4. September 1907 in Bergen an Herzversagen. Sein Grab befindet sich in einer Felsengrotte nahe bei seinem Haus.
Das Werk
Das a-moll-Konzert ist Griegs einziges konzertantes Werk, es zählt zugleich zu den beliebtesten Klavierkonzerten weltweit. Es entstand 1868 und wurde im Folgejahr in Kopenhagen uraufgeführt. Stilistisch treffen in den drei Sätzen verschiedene Einflüsse aufeinander: das ist zum einen Franz Liszt (z.B. in der Schlußkadenz des ersten Satzes), der sich begeistert über die Qualität der Komposition geäussert hat, zum anderen sind deutliche Anklänge an Schumanns in der gleichen Tonart stehenden Klavierkonzert zu hören und nicht zuletzt die für Grieg typischen Anklänge an die norwegische Folklore. Die wird insbesondere im Adagio, aber auch in der Thematik der Sonatenform des einleitenden Allegro molto moderato deutlich. Das Konzert stellt hohe Anforderungen an die Virtuosität des Solisten, besonders im dialogischen dritten Satz (Allegro moderarato molto e marcato).
Der Pianist
Leon Fleisher, geb. am 23. Juli 1928 in San Francisco begann mit 8 Jahren als Wunderkind erste öffentliche Auftritte und im Anschluß eine 10jährige Ausbildung bei Artur Schnabel zu absolvieren, von dem Fleisher sagte, er habe ihm seine ´musikalische Identität` gegeben. Nach 10 Jahren ungemein intensiven Konzertierens ab 1952 machen sich ab 1962 erste Symptome einer neurologischen Erkrankung der rechten Hand bemerkbar, die innerhalb von 3 Jahren zur völligen Lähmung führte. Fleisher war in der Lage, sich als Dirigent, Pädagoge und als Spezialist der Klaviermusik für die linke Hand eine zweite Karriere aufzubauen. Nach jahrelangen Behandlungen begann er ab 1990 wieder öffentlich aufzutreten und ab 1995 – eingeschränkt – auch wieder zweihändige Werke aufzuführen. Fleisher starb am 2. August 2020 in Baltimore, Maryland.
Der Dirigent
George Szell wurde am 7. Juni 1897 in Budapest geboren, wuchs jedoch in Wien auf. Bereits als Kind zeigte er außergewöhnliches musikalisches Talent: Auftritte als Pianist im Alter von 10 Jahren, Debut als Dirigent der Wiener Symphoniker mit 16 Jahren und ein Jahr später Leitung der Berliner Philharmoniker mit einer eigenen Komposition und Anstellung als Assistent und Korrepetitor von Richard Strauss an der Berliner Staatsoper. Es folgen Stationen quer durch Europa, 1924 berief Erich Kleiber ihn als ersten Dirigenten an die Berliner Staatsoper, zugleich erhielt er eine Professur an der Berliner Musikhochschule. 1939 emigrierte Szell in die USA, wurde 1946 amerikanischer Staatsbürger und übernahm im gleichen Jahr (nach zahlreichen Dirigaten an der Metropolitan Opera und als Gastdirigent diverser Orchester) die Position des Chefdirigenten beim Cleveland Orchestra, das er bis zu seinem Tod am 30. Juli 1970 leitete und zu einem der besten Orchester der Welt entwickelte.
Die Interpretation
´For many, the finest accounts of these works`, heisst es in der Kurzbeschreibung von Gramophone, womit natürlich nicht nur Grieg, sondern auch Schumann gemeint ist, denn es gibt kaum eine Veröffentlichung, in der nicht beide Konzerte miteinander kombiniert werden. Von Griegs Klavierkonzert sollen etwa 400 (!!) Einspielungen existieren und auch wenn bei Grieg Namen wie Rudolf Serkin, Wilhelm Kempff und Alfred Brendel fehlen, umfasst die Reihe der Pianisten ansonsten jeden namhaften (z.T. mit bis 5 oder 6 Aufnahmen) Pianisten der letzten 100 Jahre. Fleishers Interpretation, hervorragend unterstützt von George Szell und dem Cleveland Orchester, lebt von ihrer fast vollkommenen musikalischen Präzision ohne dabei die emotionalen Momente des Werks zu unterschlagen, aber auch ohne sie zu übertreiben (man höre dazu die Kadenz im ersten Satz). Obwohl inzwischen bereits mehr als 60 Jahre alt, ist die Aufnahme auch klanglich durchaus mehr als auf der Höhe ihrer Zeit. Bei einer mittleren dreistelligen Zahl weiterer Aufnahmen ist es andererseits nicht verwunderlich, dass die Konkurrenz groß ist: Dinu Lipatti z.B. aus den 40er Jahren mit Alceo Galliera am Pult, Leif Ove Andsnes mit Mariss Jansons (2002) oder – mein persönlicher Favorit – Howard Shelley als Pianist und Dirigent mit dem Opera North Orchestra.