Richard Strauss
Vier letzte Lieder op. posth.
Radio-Symphonie-Orchester Berlin – Elisabeth Schwarzkopf, George Szell – 1965
Der Komponist
Richard Strauss wurde am 11. Juni 1864 in München als Sohn des Hornisten Franz Strauss geboren. Ab seinem vierten Lebensjahr erhielt er Musikunterricht und begann schon als Kind zu komponieren. Nach einem abgebrochenen Studium der Philosophie und Kunstgeschichte widmete sich Strauss ganz der Musik. 1885 wurde er durch die Unterstützung von Hans von Bülow zum Kapellmeister in Meiningen berufen, bevor er wichtige Positionen in München, Weimar und schließlich Berlin und Wien übernahm, wo er als Dirigent und Komponist große Erfolge erzielte. 1933 übernahm er die Präsidentschaft der Reichsmusikkammer, die er jedoch 1935 im Zusammenhang mit seiner Zusammenarbeit mit Stefan Zweig wieder niederlegte. Das Schwergewicht seines Schaffens liegt auf der sinfonischen Dichtung und der Oper (vornehmlich mit dem Librettisten Hugo von Hofmannsthal), ohne dass er die anderen Genres – außer der Kirchenmusik – unbeachtet gelassen hätte. Richard Strauss starb am 8. September 1849 in Garmisch-Partenkirchen.
Das Werk
Die ´Vier letzten Lieder` gehören zu den ergreifendsten Werken der Spätromantik, sind durchzogen von melancholischer Grundstimmung, von friedvoller, leuchtender Ruhe. Drei Texte stammen von Hermann Hesse (Frühling (1), September (2), Beim Schlafengehen (3) und einer von Joseph von Eichendorff (Im Abendrot (4)), das den Abschluß des Zyklus bildet. Dabei ist zu berücksichtigen, dass Strauss die Reihenfolge der Lieder nicht mehr selbst bestimmte, sie entstand in Absprache zwischen dem Verlag und verschiedenen Dirigenten, nicht zuletzt Karl Böhm. Bei der Uraufführung am 22. Mai 1950 stand Wilhelm Furtwängler in der Royal Albert Hall am Pult, es sang Kirsten Flagstad, damals in einer anderen Lied-Reihenfolge, sie lautete 3, 2, 1, 4, der nach ihr einige wenige Sängerinnen folgten (z.B. Lisa della Casa). Aber bald setzte sich die heute akzeptierte Reihenfolge mit der überzeugenderen Tonartenfolge c-moll, D-Dur, Des-Dur und Es-Dur durch.
Die Sängerin
Olga Maria Elisabeth Friederike Schwarzkopf wurde am 9. Dezember 1915 in Jarotschin (Posen) geboren. Sie lernte diverse Instrumente bereits in der Kindheit, als Jugendliche erhielt sie ersten Gesangsunterricht. 1934 begann sie ein Gesangsstudium an der Berliner Hochschule für Musik, u.a. bei Maria Ivogün. 1938 gab sie ihr Operndebut am Deutschen Opernhaus in Berlin als 2. Blumenmädchen in Wagners ´Parsifal`. Mit einem Engagement an der Wiener Staatsoper 1942 begann ihre internationale Karriere als Opernsängerin – bevorzugt in Werken von Mozart und Strauss – galt aber genauso als hervorragende Vertreterin des Liedgesangs. Zahlreiche Aufnahmen, viele davon unter der Leitung ihres Ehemanns Walter Legge, zeugten von ihren großen Fähigkeiten, die mit zahlreichen Auszeichnungen gewürdigt wurden. 1971 zog sie sich weitgehend von der Bühne zurück, gab aber noch vereinzelt Liederabende bis 1979. Sie war anschließend als Gesangslehrerin tätig und gab zahlreiche Meisterkurse. Elisabeth Schwarzkopf starb am 3. August 2006 in Schruns, Vorarlberg.
Der Dirigent
George Szell wurde am 7. Juni 1897 in Budapest geboren, wuchs jedoch in Wien auf. Bereits als Kind zeigte er außergewöhnliches musikalisches Talent: Auftritte als Pianist im Alter von 10 Jahren, Debut als Dirigent der Wiener Symphoniker mit 16 Jahren und ein Jahr später Leitung der Berliner Philharmoniker mit einer eigenen Komposition und Anstellung als Assistent und Korrepetitor von Richard Strauss an der Berliner Staatsoper. Es folgen Stationen quer durch Europa, 1924 berief Erich Kleiber ihn als ersten Dirigenten an die Berliner Staatsoper, zugleich erhielt er eine Professur an der Berliner Musikhochschule. 1939 emigrierte Szell in die USA, wurde 1946 amerikanischer Staatsbürger und übernahm im gleichen Jahr (nach zahlreichen Dirigaten an der Metropolitan Opera und als Gastdirigent diverser Orchester) die Position des Chefdirigenten beim Cleveland Orchestra, das er bis zu seinem Tod am 30. Juli 1970 leitete und zu einem der besten Orchester der Welt entwickelte.
Die Interpretation
Es existieren zwei bedeutende Einspielungen der ´Vier letzten Lieder` mit Elisabeth Schwarzkopf. Die erste entstand 1953 unter der Leitung von Otto Ackermann, die zweite 1965 mit George Szell als Dirigent. Es ist überraschend, dass zwei exzellente Gesangskenner wie Jürgen Kesting und John Steane in diesem Zusammenhang zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen: während Steane der späteren Aufnahme mit einer ausführlichen Begründung eindeutig den Vorzug gibt (Gramophone 6-1996), zieht Kesting die frühere vor, ´auch wegen der superben Holzbläser des Philharmonia – und des Horns (Dennis Brain?)` (Fono Forum 1/13). Keine Frage: beide Aufnahmen sind großartig und liegen weit vorn im breiten Spitzenfeld der zahllosen Einspielungen dieses spätromantischen Klassikers. Daneben sollte man folgende Aufnahmen gehört haben: Gundula Janowitz unter Herbert von Karajan (mein persönlicher Favorit wegen Karajans höchst subtiler Begleitung einer idealen Strauss-Stimme, die manchmal fast zu schön klingt), Jessye Norman mit Kurt Masur am Pult, Renée Fleming unter Christoph Eschenbach und von den späteren Aufnahmen Anja Harteros mit Mariss Jansons. Für den historischen Interessierten trotz der schwachen Klangqualität zusätzlich ein Muss: der Mitschnitt der Uraufführung 1949 in Royal Albert Hall mit Kirsten Flagstad und Wilhelm Furtwängler.