Giuseppe Verdi
Messa da Requiem
Robert Shaw Chorale – NBC Symphony Orchestra – Arturo Toscanini – 1951
Der Komponist
Giuseppe Verdi wurde am 9. oder 10. Oktober 1813 im italienischen Dorf Le Roncole bei Busseto in der Provinz Parma geboren und starb am 27. Januar 1901 in Mailand. Er zählt zu den bedeutendsten Komponisten der Romantik und prägte die italienische Oper des 19. Jahrhunderts wie kein anderer. Er entstammte einer einfachen Familie, aber er erhielt eine gute Schulbildung und konnte später in Mailand Musik bei Privatlehrern studieren, nachdem ihn das dortige Konservatorium abgelehnt hatte. Dies war vor allem seinem Mentor und Gönner Antonio Barezzi zu verdanken, dessen Tochter Margherita er 1836 heiratete. Zwei Kinder starben im Säuglingsalter und auch die junge Mutter verstarb 1840 sehr früh im Alter von 26 Jahren. Diese Schicksalsschläge stürzten Verdi, der mit ´Oberto` (1939) und ´Un Giorno di Regno` (1840) seine ersten Talentproben auf die Bühne gebracht hatte, in eine schwere Krise, aus der er sich ganz langsam mit Hilfe der Komposition des ´Nabucco` befreite. Die Uraufführung 1842 war ein großer Erfolg und bedeutete für Verdi den Durchbruch als Komponist, auch wenn in den nächsten 9 Jahren mit der Komposition von 13 Opern die sogenannten ´Galeerenjahre` folgten. Mit ´Rigoletto` (1851) setzte Verdis Weltruhm ein, es folgten Meisterwerke wie ´Il Trovatore, ´La Traviata` (beide 1853), ´Simon Boccanegra` (1857) ´Un Ballo in Maschera` (1859), ´La Forza del Destino` (1862) ´Don Carlos` (1867), ´Aida` (1871) sowie als krönender Abschluss die Alterswerke Otello` (1887) und Falstaff` (1893). Alle diese Opern zeichnen sich durch eine Vertiefung der Charakterzeichnung der Protagonisten aus, die sich bei allem melodischen Einfallsreichtum abwendet vom ´Belcanto`-Ideal und mit einem erneuerten Sprachstil, der ´parola scenica` und der allmählichen Verselbständigung des Orchesters zu sehr wirkungsvollen, subtilen Lösungen findet.
Das Werk
Seine ´Messa da Requiem` vollendete Verdi im April 1874, die Uraufführung fand bereits im Mai desselben Jahres in Mailand statt. Die Grundidee zu dieser Komposition entstand 1868 – dem Todesjahr Rossinis -, als Verdi eine Gemeinschaftsproduktion verschiedener italienischer Komponisten eines Requiems zu dessen Ehren vorschlug. Dieses Projekt wurde nicht realisiert, jedoch aus Anlass des Todes des Dichters Alessandro Mazzoni nahm Verdi 1873 die Idee allein wieder auf. Hans von Bülows Verdikt von der ´Oper im Kirchengewande`, das er später zurücknahm, wirkt bis heute nach, neben vielen anderen Einschätzungen, die das Werk als zu theatralisch ansahen. Davon kann allerdings nicht wirklich die Rede sein: Verdis Kunst bestand in erster Linie in der Darstellung des ´Menschlichen, die er in diesem Requiem in eine musikalische Welt aus Trost und Hoffnung gießt, wobei ´der Tod wie bei Mozart seinen Schrecken verliert und als Freund erscheint` (Dietmar Holland).
Der Dirigent
Arturo Toscanini wurde am 25. März 1867 in Parma geboren, wo auch sein musikalischer Werdegang am Konservatorium als Cellist begann. Bekannt wurde er durch sein spontanes Debüt als Dirigent bei einer Aufführung von Verdis „Aida“ in Rio de Janeiro 1886 im Alter von 19 Jahren. Nach verschiedenen Stationen in Italien wurde Toscanini 1898 Musikdirektor an der Mailänder Scala.
Bedeutende Uraufführungen von Opern wie Leoncavallos „Pagliacci“ und Puccinis „La Bohème“ gingen unter seiner Leitung über die Bühne. Toscanini etablierte einen neuen Probenstil mit höchster Präzision, hohem Anspruch an Werktreue und Disziplin sowie einer rigorosen Ablehnung von Schlendrian und Willkür. Von 1908 bis 1915 dirigierte er an der Metropolitan Opera New York, später das New York Philharmonic Orchestra und als erster Nicht-Deutscher auch bei den Bayreuther Festspielen. Sein Engagement gegen Faschismus und seine Ablehnung des Hitler-Regimes führten dazu, dass er nach 1937 endgültig in die USA emigrierte und dort das eigens für ihn gegründete NBC Symphony Orchestra leitete. Toscanini starb am 16. Januar 1957 in New York. Er bleibt als charismatische Leitfigur für die Interpretation italienischer Opern und eines großen Teils des symphonischen Repertoires unvergessen. Seine Diskographie umfasst hunderte Aufnahmen, die zurecht als absolute Referenz gelten.
Die Interpretation
Fünf Aufnahmen des Verdi-Requiems mit Toscanini am Pult sind mir bekannt. Die Reihe beginnt im März 1938 mit einem Mitschnitt aus der Carnegie Hall (leider mit einem sehr getrübten Klangbild), wird fortgesetzt zwei Monate später in der Londoner Queen`s Hall und noch einmal in der Carnegie Hall im November 1940. Ein weithin unbekannter Mitschnitt einer Aufführung in der Mailänder Scala vom Juni 1950 mit Renata Tebaldi als Sopranistin ist leider klanglich auch sehr schwach, am Ende steht der hochdekorierte Mitschnitt aus der Carnegie Hall vom 27. Januar 1951 mit den Solisten Herva Nelli, Fedora Barbieri, Giuseppe di Stefano und Cesare Siepi sowie dem Robert Shaw Chorale und dem NBC Symphony Orchestra. Es besteht kein Zweifel, dass diese Aufnahme in der Gesamtqualität den anderen vier Mitschnitten überlegen und zugleich ein absoluter Höhepunkt der gesamten Requiem-Diskographie ist. Das ´Dies irae` oder das ´Rex tremendae` sind dynamisch einfach umwerfend gestaltet und – um auch auf das andere Ende des Ausdrucksspektrums hinzuweisen – im ´Agnus Die` ist ein wunderbar singendes Orchester zu hören. Die Solisten, insbesondere Fedora Barbieri und Cesare Siepi, sind hervorragend besetzt, manchmal allerdings darf man sich Zinka Milanov, die im 1940er Mitschnitt eine fast makellose Sopranpartie singt, anstelle von Herva Nelli wünschen und im ´Ingemisco` ist Jussi Björling – ebenfalls 1940 – schlicht einsame Spitze. Natürlich gibt es eine Reihe weiterer wunderbarer Aufnahmen des Requiems, deren Qualifizierung erfolgt zu einem späteren Zeitpunkt bei der Vorstellung einer weiteren Kultaufnahme, der Einspielung unter Carlo Maria Giulini aus dem Jahr 1964.